Verheiratet zu sein hat heute nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie vor 50 Jahren. Die Rollenverteilung ist im Wandel, Frauen erkämpfen sich jeden Tag ihren Platz abseits von Gender-Stereotypen – und trotzdem wird die eigene Hochzeit viel zu oft zu einem Event, bei dem jeder Blick veraltete Traditionen erkennen kann, getarnt als romantische Gesten und Konventionen, die viele moderne Frauen in ihrem Alltag nie geschehen lassen würden. Ich bin ein großer Fan davon, die eigene Hochzeit so zu feiern, wie man es selbst gerne möchte und das ohne Druck von außen, doch auch bei der Planung meiner eigenen Hochzeit habe ich mich dabei ertappt, gewisse Vorgehensweisen nicht zu hinterfragen und unsere Hochzeit war definitiv alles andere als traditionell. Also warum wollen wir vom Vater zum Altar gebracht werden, weshalb muss das Brautkleid weiß sein und why oh why müssen junge Frauen zu „All the Single ladies“ den Brautstrauß fangen? Wenn ihr eine gute Antwort auf diese und die Fragen, die ich euch in den nächsten Zeilen noch stellen werde, habt, dann go for it! It’s your wedding! Ich selbst habe die Hälfte der unten genannten Punkte auch bei unserer Hochzeit umgesetzt. Aber wenn ihr euch auch dabei ertappt, noch nie über die Hintergründe dieser Traditionen nachgedacht zu haben, dann wird es spätestens bei der eigenen Hochzeitsplanung Zeit. Let’s go:

 

// Die Braut trägt weiß mit Schleier

Yes, I know. That’s a hard one. Wir lieben weiße Brautkleider – und dabei spreche ich auch von Ivory, Champagner etc. Sie sind schön, sie sind elegant, aber warum sind sie eigentlich weiß? Weil sie für Unschuld und Jungfräulichkeit stehen? Aus geschichtlicher Perspektive ist diese Annahme zu meiner eigenen Überraschung falsch. Und zwar war es Queen Viktoria, die dem weißen Brautkleid 1840 den großen Durchbruch verschafft hat. Es war sozusagen die Burkin Bag des 19. Jahrhunderts. Egal, ob man es nun schön fand oder nicht: wer reich genug war, um sich ein weißes Kleid zu leisten, der hat es auch getragen. Status, baby! Der Hintergrund dazu ist, dass Frauen zu dieser Zeit meistens Kleider, die sie bereits zuhause hatten zum Brautkleid umfunktionierten. Nicht jeder konnte sich ein neues Kleid leisten, schon gar nicht in weiß. Reinigungen und Waschmaschinen, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht und ein weißes Kleid sauber zu halten, war für die Leute eine teure Angelegenheit.

Im Gegensatz zum weißen Kleid, geht der Schleier waaayyyy back! Die alten Griechen und Römer haben damit offenbar böse Geister ferngehalten. Warum sich böse Geister nur für die Braut interessieren, sei jetzt mal dahingestellt. Darüber hinaus – und jetzt kommt er, der Punkt, auf den wir alle gewartet haben – wurde die Braut unter dem Schleier versteckt, um eine bescheidene und unberührte Jungfrau zu symbolisieren. And isn’t that, what all men want?

Später hat sich der Schleier in verschiedenen Religionen als Symbol durchgesetzt. Der Kernpunkt vieler dieser Symbole ist, dass der Bräutigam davon abgehalten werden soll, die Braut nur aufgrund ihrer Schönheit heiraten zu wollen. Puh, nochmal Glück gehabt. Und damit kommen wir auch schon zum nächsten Punkt:

// Der Bräutigam darf die Braut im Kleid nicht vor der Trauung sehen

Für diese wunderbare Tradition gibt es genau zwei Hintergründe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sollten sich Braut und Bräutigam vor der Trauung sehen, gibt es demnach nämlich genau zwei mögliche Outcomes: Entweder verliert der Bräutigam in der Sekunde sämtliche Hemmungen, weil er seine Braut so wunderschön findet und fällt vorehelich über sie her oder der Bräutigam ist derart entsetzt und empört über die Wahl der Kleides, dass er sofort schreiend davonläuft. Zum Glück hat sich in den letzten Jahren eine neue Tradition entwickelt, mit der man ganz leicht herausfinden kann, welche der beiden Möglichkeiten es denn sein wird: Der First Look.

Ich persönlich bin ein großer Fan des First Looks und wir haben ihn auch bei unserer eigenen Hochzeit umgesetzt. Dank dieser, noch relativ jungen Tradition, gelingt es nämlich, einen schönen und besonderen Moment für beide Partner zu schaffen, noch bevor eure Gäste euch begrüßen und bejubeln dürfen. Wichtig beim First Look ist für mich außerdem, dass der Fokus nicht darauf liegt, dass der Bräutigam die Braut zum ersten Mal sehen darf, denn mit diesem Hintergrund bleibt die Grund-Message im Prinzip die gleiche. Nein, es geht darum, dass beide Partner sich gleichzeitig in ihren Outfits zum ersten Mal sehen dürfen.

Bevor wir zur dritten Tradition kommen, an dieser Stelle kurz eine Anmerkung: Ihr habt vielleicht bemerkt, dass sich dieser Beitrag bis jetzt sehr stark auf heterosexuelle Paare konzentriert. Wie wir alle wissen, ist es noch nicht besonders lange her, dass Paare aus der LGBT-Community überhaupt heiraten dürfen und diese veralteten Traditionen aus einem – Überraschung – veralteten Weltbild hervorgehen, in dem der Begriff „Familie“ sehr streng definiert war. Das schöne an LGBT-Hochzeiten ist, dass viele Paare bei der Planung mit diesen Traditionen brechen und ihre eigenen Regeln schreiben. Eines der wichtigsten Elemente in einer erfolgreichen Beziehung ist die Gleichberechtigung, egal ob es sich um Mann und Frau oder eine Same Sex Couple handelt. Wenn euer Partner euch nicht als gleichwertig behandelt, ist es definitiv Zeit, die Beine in die Hand zu nehmen. Wie ihr diese Gleichberechtigung bei eurer Hochzeit zeigen wollt, bleibt euch überlassen. Es gibt hier kein richtig oder falsch, kein schwarz und weiß. Ich kann mich als Feministin bezeichnen und gleichzeitig ein weißes Kleid tragen. Ihr entscheidet, wie ihr mit diesen Traditionen umgeht.

// Den Namen des Mannes annehmen

Wieder ein Brauch, der bei heterosexuellen Paaren aus einer langen Tradition hervorgeht, die sogar gesetzlich vorgeschrieben war. Ich kenne viele verheiratete Hetero-Paare, bei denen die Entscheidung indirekt vom männlichen Partner getroffen wurde, indem er bestimmt hat, dass er seinen Namen nicht abgeben möchte und als Alternative dazu nur sieht, dass jeder seinen Namen behalte. Für viele von euch ist das wahrscheinlich auch eine gute Lösung: weniger Bürokratie, keine Veränderung, alles super. Mir persönlich war es zum Beispiel aber sehr wichtig, dass wir nach der Hochzeit einen Namen teilen und sollte dann ein Partner die Diskussion verweigern und auf seinem Namen beharren, kann es zu unterbewusstem Druck kommen, dass man selbst nachgeben und den Namen des Partners annehmen müsse. Ein kleines Opfer, wenn man bedenkt, wie intensiv es ist, eine Hochzeit zu planen und wieviele Entscheidungen noch getroffen werden müssen. Aber ist es das wirklich? Euer Name ist ein großer Teil eurer Identität und das mindeste ist meiner Ansicht nach, das Thema auf Augenhöhe miteinander zu besprechen, ohne Druck auf den anderen auszuüben. 

 

//Brautstrauß werfen

Der gute alte Brautstrauß-Wurf. Single-shaming at its best. An dieser Stelle muss erstmal gesagt werden, dass heiraten keine Leistung ist, die es um jeden Preis anzustreben gilt. Es macht einen nicht besser als andere und man erlangt (in der Theorie) dadurch heute auch keinen gesellschaftlichen Status mit höherem Ansehen mehr. Das Brautstrauß-Werfen ist eine heteronormative Tradition, bei der Frauen, die für eine Partnerschaft noch in Frage kommen, in die Mitte der Menge gedrängt werden, sodass sie Single-Männern auf einem Silbertablett serviert werden und diese nur noch die Fährte aufnehmen müssen, bevor sie später auf der Tanzfläche das Paarungsritual starten. Zusammengefasst ist es eine demütigende Tradition, die Frauen zu einem Entertainment-Programm macht, nur weil sie entweder nicht heiraten wollen oder niemanden gefunden haben, den sie gerne heiraten würden.

Ich möchte aber auch hier niemanden verurteilen, der diese Tradition an seinem Hochzeitstag durchführen möchte. Mit ein bisschen Kreativität kann man den Brauch zum Beispiel auch abändern, um ihm eine neue Bedeutung zu verschaffen. Eine Möglichkeit wäre, gesammelt alle Hochzeitsgäste fangen zu lassen, um den Strauß als Andenken an die Hochzeit zu fangen. 

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, um alten Traditionen neue Bedeutungen zu verleihen. In diesem Artikel habe ich nur einen Bruchteil aller Brauchtümer angesprochen, die überall auf Hochzeiten ohne Hintergedanken fortgeführt werden.

Warum möchte ich diese Konventionen ansprechen? Damit eure Hochzeit nicht zu einem Standard-Event wird, bei dem man listenartig jeden Punkt abhaken muss. Es geht hier schließlich um euch beide und eure Liebe zueinander. Und die lässt sich weder mit der Liebe von euren Freunden, euren Eltern oder sonst irgendwem vergleichen. Also hören wir auch damit auf, unsere Hochzeiten an irgendwelche ungeschriebenen Regeln anzupassen. Fahrt gemeinsam mit dem Motorrad den Altar entlang, begrüßt eure Gäste und trinkt erstmal eine Runde gemeinsam, bevor geheiratet wird oder brennt einfach nach Las Vegas durch, nur zu zweit (und mit mir natürlich). Als Fotografin ist es mir wichtig, in jedem Foto die Einzigartigkeit in eurer Liebe festzuhalten, egal was das für euch bedeutet. Weniger Fließband-Hochzeiten, mehr Modern Romance!

Welche Traditionen soll ich im nächsten Teil dieser Serie ansprechen? Schickt mir gerne eine Nachricht dazu.